Studieren mit Aussicht Berufsschullehrer/innen braucht das Land

Geschrieben von Studis Online – Die schlauen Seiten rund ums Studium

An den Berufsschulen in Deutschland herrscht akuter Lehrermangel. Am größten ist die Not in den gewerblich-technischen Fächern. Schuld seien verbreitete Unkenntnis, falsche Vorurteile und politscher Aktionismus, meint Birgit Ziegler. Gegenüber Studis Online wirbt die Darmstädter Professorin für ein Arbeitsfeld am „Puls der Zeit“ – das inzwischen oft auch über ein anfängliches FH-Studium erreicht werden kann.

Nah dran an der Praxis – Unterricht in der Berufsschule
Studis Online: Presseberichten zufolge mangelt es derzeit erheblich an qualifizierten Berufsschullehrern und jungen Menschen, die diesen Beruf anstreben. Allein in Nordrhein-Westfalen klafft demnach bei den technisch-naturwissenschaftlichen Fachrichtungen eine Lücke von aktuell 2.000 Lehrkräften, die bis 2029 auf 5.000 anzuwachsen droht. Ist die Lage wirklich so ernst?

Birgit Ziegler: Die Situation stellt sich in der Tat ziemlich dramatisch dar. Bei uns in Hessen suchen die Schulleitungen händeringend nach Studienanfängern. Selbst junge Leute, die gerade ihr Bachelor-Studium absolvieren, werden zum Teil gezielt angeworben, um an den beruflichen Schulen Lücken zu schließen. Die größten Engpässe bestehen in den Bereichen Maschinenbau, Metall- und Elektrotechnik. Ich weiß von einem Studenten im zweiten Semester, der regelrecht bekniet wurde, nach dem Abschluss an die Schule zu kommen.

Über einen Mangel an Junglehrern in den sogenannten MINT-Fächern – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – hatten im Vorjahr vielerorts auch die allgemeinbildenden Schulen geklagt, während es in anderen Fächern sogar zu viele Bewerber gab. Wie ist der Stand bei den beruflichen Schulen im Hinblick auf das gesamte Fächerspektrum?

Bei den MINT-Fächern ist der Bedarf in der Fläche am gravierendsten. Aber schlecht sieht es auch bei den Fachschulen für Erzieherinnen und Erzieher aus. Einen großen Bedarf gibt es zudem im Bereich Gesundheit und Pflege. Not am Mann, bzw. der Frau besteht in so gut wie allen Feldern – mal mehr, mal weniger.

Im Moment ist viel vom „Akademisierungswahn“ die Rede. Weil Schulabgänger seit mehreren Jahren in Massen an die Hochschulen streben, soll in der beruflichen Ausbildung der Nachwuchs massiv weggebrochen sein, was sich auch im sogenannten Fachkräftemangel niederschlagen soll. Wenn es weniger Berufsschüler gibt, müsste es doch auch weniger Berufsschullehrer brauchen?

Die Rechnung geht nicht auf, weil die duale Ausbildung nur einen Teil der Berufsschulangebote betrifft. Dieser Bereich macht rund 60 Prozent der Schüler aus und hier lässt sich eine leicht rückläufige Tendenz verzeichnen. Das gilt auch für das Übergangssystem, in dem diejenigen landen, die keine Lehrstelle gefunden haben. Daneben bilden die Berufsschulen allerdings in studienqualifizierenden Bildungsgängen aus. Das sind in der Regel Vollzeitschulen, ohne ergänzende betriebliche Qualifizierung. Weil aber der Zulauf an die beruflichen Gymnasien, Berufsoberschulen, Fachoberschulen und auch in der Weiterbildung – zu Technikern und Meistern – zugenommen hat und weiter zunimmt, besteht gerade dort ein immenser Lehrerbedarf. Wir sprechen deshalb auch nicht vom Lehrer, der ausschließlich in Berufsschulen unterrichtet, sondern von Lehrern an beruflichen Schulen mit vielen unterschiedlichen Bildungsgängen.

Wie konnte es soweit kommen? Wurde hier die Entwicklung einfach verschlafen?

Prof. Birgit Ziegler (TU Darmstadt)
Unsere Interviewpartnerin Birgit Ziegler ist Professorin am Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik an der technischen Universität Darmstadt. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören „Professionalisierung von Lehrenden“, „Entwicklung beruflicher Orientierungen“ und „Interessenentwicklung und Berufswahl“.
Es gab schon immer zu wenige Lehrer an beruflichen Schulen, insbesondere in den gewerblich-technischen Bereichen. Dahinter steht vor allem ein strukturelles Problem. Es ließ sich schon in 1970er Jahren feststellen, dass Jugendliche ein vergleichsweise geringes MINT-Interesse haben. Noch seltener kommt es vor, dass sich junge Menschen einerseits für Technik und zugleich für den Umgang mit Menschen interessieren. Außerdem streben Frauen seltener in technische Berufe. Dazu kommt eine weitere Hürde: Schüler aus Gymnasien ohne berufspraktische Erfahrungen müssen für die Lehrerausbildung Fachpraxis im Umfang von mindestens 42 Wochen nachweisen. Das schreckt viele ab.

Gehen wir mal weg von der MINT-Problematik. Wie ist es um den Ruf des Berufsbild an sich bestellt?

Leider ist die Anerkennung und die Wertschätzung für diesen Beruf nicht besonders hoch, das zeigt sich immer wieder in Befragungen. Das hat auch viel mit Unkenntnis zu tun: Jedes Schulkind kennt den klassischen Lehrerberuf an einer allgemeinbildenden Schule aus eigener Anschauung. Die Wahl fürs Lehramt liegt sehr häufig in der Vertrautheit des Berufs begründet und deshalb wollen viele Gymnasiasten später auch mal Gymnasiallehrer werden. Dass man auch Lehrer an beruflichen Schulen werden kann und dafür ein ebenso anspruchsvolles Studium absolvieren muss, wissen viele gar nicht, auch nicht, dass man dabei so viel Geld verdient wie am Gymnasium. Dazu existieren jede Menge Klischees, von wegen da würden nur Doofe und soziale Härtefälle die Schulbank drücken. All das sorgt dafür, dass die Perspektive Lehrer an beruflichen Schulen von vielen völlig ausgeblendet wird.

Auf welchen Wegen könnte solchen Vorurteilen begegnet werden?

Wichtig wäre es, Gymnasialschülern bessere Einblicke in berufliche Schulen und deren Angebote zu verschaffen. So ließen sich Vorbehalte sowohl mit Blick auf eine mögliche eigene Berufsausbildung als Alternative zum Studium sowie auch gegenüber dem Beruf Lehrer an beruflichen Schulen abbauen. Eine Chance sehe ich auch darin, dass inzwischen an vielen beruflichen Schulen die Hochschulreife erworben werden kann. Das könnte ein guter Rekrutierungspool sein: Wer berufliche Schulen von innen kennt, bleibt dort vielleicht eher als Lehrerin oder Lehrer »hängen«.

Wie könnte die Politik Abhilfe schaffen?

Es fehlt an nachhaltigen Maßnahmen. Bei der Lehrerversorgung an beruflichen Schulen geht es häufig nur darum, kurzfristig Löcher zu stopfen. Ein Beispiel: In Flensburg wurde auf Rechnung des Landes Schleswig-Holstein ein Programm aufgelegt, bei dem Quereinsteiger ein Master-Studium bei vollem Gehalt absolvieren konnten. Die Betroffenen studierten dabei parallel zum Schuldienst an der Uni in Teilzeit, machten ihren Abschluss und hatten eine Übernahmegarantie. Nachdem der dringendste Bedarf an den Schulen gedeckt war, wurde das Programm inklusive des Teilzeitmodells wieder eingestellt. Dabei bräuchte es in der Lehrerausbildung dauerhaft Teilzeitmodelle, um ein berufsbegleitendes Studium attraktiver zu machen. Setzt die Politik nur auf kurzfristige Sonderprogramme und Anreizsysteme, um die ärgsten Nöte zu lindern, entwertet dies natürlich auch die grundständige Ausbildung, weil der Eindruck entsteht, dass jeder „Hinz und Kunz“ immer noch Lehrer werden kann, wenn nichts anderes mehr geht.

Der klassische Weg in den Beruf ist ein Lehramtsstudium an einer Universität. Wie kann man noch zum Ziel gelangen?

Es gibt mittlerweile zahlreiche Kooperationsmodelle zwischen Unis und Fachhochschulen, zum Beispiel in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Dabei studiert man an der FH die Fachrichtung, also die Ingenieurwissenschaft, und an der Uni das Zweitfach für den Sekundarbereich II – zum Beispiel Sport, Deutsch, Mathematik, Physik – verbunden mit der erziehungswissenschaftlichen Ausbildung.

Der Informationsdienst Wissenschaft (idw) berichtete unlängst über ein Quereinsteigerangebot an der Fachhochschule Südwestfalen in Soest. Dabei belegen Studierende in Elektrotechnik und Maschinenbau zusätzliche „Seminare zu lehramtsrelevanten Themen“. Mit dem so erlangten Bachelor erhalten sie später Zugang zu den gewerblich-technischen Master-Studiengängen der Universität Paderborn mit dem Abschluss Master of Education. Ist das eine der Kooperationen, von der Sie sprachen?

Ja, wobei das inzwischen die Regel ist. FH-Absolventen mit Bachelor haben heute eigentlich überall die Möglichkeit, an der Uni zu studieren. Bei uns in Hessen können sich alle Studierenden mit FH-Abschluss direkt in den Master bewerben, wobei sie dann die erziehungswissenschaftlichen und die Anforderungen für das zweite Unterrichtsfach nachholen müssen. Die Uni Flensburg kooperiert zum Beispiel mit sämtlichen technischen Fachhochschulen im Umfeld. Die Studierenden erwerben dabei parallel an der Uni Flensburg die erziehungswissenschaftlichen Module, um dann nach dem Bachelor direkt ins Master-Studium zu wechseln. So oder ähnlich wird heute in allen Bundesländern verfahren. Wer heute mit einem FH-Bachelor Lehrer werden will, dem stehen praktisch alle Türen offen.

Was macht den besonderen Reiz eines Lehrers an beruflichen Schulen aus?

Die berufliche Bildung ist ein unheimlich dynamisches Feld, die ganz nah dran ist am realen Leben. An den beruflichen Schulen ändern sich die Curricula häufig, weil die Lerninhalte immer wieder neu auf die sich wandelnden Arbeits- und Produktionsprozesse in der Wirtschaft abgestimmt werden. Man steht in engem Austausch mit den Betrieben, die auch Forderungen nach aktuellen Bildungskonzepten – wie Juniorfirma, Unternehmenssimulationen, selbstorganisiertes Lernen, Handlungsorientierung – an die Schulen herantragen. In aller Regel sind die Schulen bestens ausgestattet mit modernen Medien, Hightech-Laboren, Steuerungstechnik, Robotern. Man ist als Lehrer praktisch direkt am Puls der Zeit, was von einem selbst ein hohes Maß an Offenheit und Flexibilität verlangt. Jahrelang ein und dasselbe Unterrichtskonzept abzuspulen, das geht da nicht. Zudem ist das Studium polyvalent angelegt, so dass es neben dem Arbeitsplatz Schule immer auch den Arbeitsplatz Betrieb geben kann. Statt in die Schulen gehen später nicht wenige in die betriebliche Bildung – mit hervorragenden Karriereperspektiven.

Was ist mit den Schülern? Wo liegen hier die Unterschiede, etwa zu den Gymnasien?

Die sind im Durchschnitt 19 Jahre alt, haben in der Regel ein berufliches Ziel vor Augen und sind entsprechend motiviert bei der Sache. Auch hat man als Lehrer praktisch nicht mit den Eltern zu tun, weil die jungen Leute zumeist auf eigenen Beinen stehen. Natürlich hat man auch mit schwierigen Kandidaten zu tun, etwa solchen, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. In einer Klasse sitzen nicht selten Abiturienten neben Hauptschülern und deutlich älteren Umschülern oder Studienabbrechern. Diese Heterogenität stellt besondere Herausforderungen an die Lehrkraft im Umgang mit Menschen, die ganz unterschiedlichen Milieus entstammen und in ihren intellektuellen Fertigkeiten stark variieren können. Auf alle Fälle braucht es Durchsetzungskraft, ein gewisses Standing sowie pädagogische und didaktische Kompetenz.

Bei SPIEGEL ONLINE meldete sich zuletzt eine Lehrerin einer Berufsschule in Thüringen mit 90 Prozent männlichen Schülern zu Wort und beklagte sich über alltägliche „sexuelle Diskriminierung“. Wie gut sind Frauen in dem Beruf aufgehoben?

In gewerblich-technischen Schulen besteht in der Tat ein Männerüberhang. In Schulen für Gesundheit und Pflege oder für Ernährung und Wirtschaft sind umgekehrt Frauen in der Überzahl. Auf dem Land sind die Schulzweige hingegen oft gemischt. Natürlich ist es für eine Frau vor einer großen Zahl an Männern nicht immer leicht und in den Berufsschulen sind die Schüler meistens direkter, bisweilen auch grober. Sexistische Anmaßungen und Machogehabe erlebt man aber auch an den Hochschulen in den Technikfächern und gewiss auch an allgemeinbildenden Schulen. Wir machen die Erfahrung, dass sich gerade technikinteressierte Frauen sehr gezielt für den Beruf entscheiden, weil sie ihre technischen Vorlieben mit dem Bedürfnis, mit Menschen Umgang zu haben, gut verbinden können.

Wie steht es um die Bezahlung für einen Berufschullehrer?

Man schlägt dieselbe Laufbahn ein wie ein Gymnasiallehrer, verdient also entsprechend gut. Ich kenne Gymnasiallehrer, die an beruflichen Schulen unterrichten und die ziemlich angetan von ihrer Arbeit sind. Sie schätzen vor allem, dass die Schüler direkter sind, ehrlicher und offener, während sich Gymnasiasten strategischer verhalten und weniger von sich preisgeben würden. Das haben auch Untersuchungen ergeben.

Sehen Sie Perspektiven, den Bedarf an Kräften mittelfristig auch mit Flüchtlingen zu decken, unter denen sich teilweise auch Hochqualifizierte befinden?

Konkrete Angebote gibt es dazu nach meiner Kenntnis noch nicht. Wer aber zum Beispiel einen Ingenieurabschluss hat und Sprachkenntnisse mitbringt, hat natürlich die Möglichkeit, zum Berufsschullehrer umzusatteln. (rw)

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