Europäische Bildungssysteme – Estland

Geschrieben von Wilhelm Ott

Rahmenbedingungen europäischer Aus-und Weiterbildung, Berufliche Bildung in Estland/Tallinn – Studienreise des BFW-VLB e.V. in Kooperation mit Tallinna Majanduskool

Anfang Oktober machte sich eine Gruppe von 25 Schulleitern und Mitgliedern der Schulaufsicht aus Bayern auf den Weg nach Estland. Ziel war die estnische Hauptstadt Tallinn.
Wie bereits in den vergangenen Jahren stand auch bei dieser Bildungsreise das berufliche Schulsystem im Mittelpunkt. Unter der Leitung von Dr. Klemens Brosig und mit tatkräftiger Unterstützung durch Heinz Tischler (Leiter der VHS Kronach und profunder Kenner Estlands) wurde ein spannendes und interessantes Programm zusammengestellt, das aufgrund der Anerkennung durch die EU durch Erasmus+ gefördert und finanziert wurde. Elen Raudsepp, Direktorin für Entwicklung an der Tallinner Wirtschaftsschule, begleitete die Gruppe in Tallinn.

Erste Eindrücke und Informationen
Nach der Anreise am Sonntagnachmittag von Nürnberg über Frankfurt nach Tallinn und dem "Check in" im Hotel hatte die Gruppe den Abend zur freien Verfügung. Eine erste Erkundung der Altstadt von Tallinn war deshalb obligatorisch. In Tallinn leben ca. 430.000 Einwohner, darunter sind knapp 39 % ethnische Russen. Estland hat etwa 1,3 Millionen Einwohner, davon sind ca. 70 % ethnische Esten, 25 % Russen, 1,7 % Ukrainer, 1 % Weißrussen und ein geringerer Prozentsatz Finnen. In Estland spricht man Estnisch, das auch die offizielle Landessprache ist, aber auch Russisch. Russisch ist vor allem im Nordosten des Landes, in dem mehrheitlich eine russischsprachige Bevölkerung lebt, die gängige Verkehrssprache. (Quelle: http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Estland_node.html)
Estland zählt mit Litauen und Lettland zu den baltischen Staaten. Es hat eine sehr wechselvolle Geschichte hinter sich, bei der meist fremde Mächte um die jeweilige Vorherrschaft im Land und an der Ostsee rangen: Russen, Dänen, Deutsche, Schweden oder auch Polen wechselten sich ab. Im 20. Jahrhundert bestimmten vor allem die Auswirkungen des Hitler-Stalin-Paktes die Geschicke des Landes. Zunächst von der Sowjetunion besetzt und 1940 eingegliedert, kamen 1941 die deutschen Truppen und Estland, Lettland und Litauen wurden Teil des Deutschen Reiches. Im Herbst 1944 eroberte die Rote Armee die baltischen Staaten zurück und Estland blieb bis 1991 Teil der Sowjetunion. Für die estnische Bevölkerung waren die jeweiligen Besatzungen mit Massendeportationen und anderen Gräueltaten verbunden. Erst im Zuge der Öffnung und des Zerfalls der Sowjetunion konnte Estland (und Lettland und Litauen) die Unabhängigkeit gewinnen. Estland ist seit 2004 Mitglied der Nato und der EU. Im Jahr 2011 führte Estland den Euro ein, die Staatsverschuldung liegt bei gerade mal 10 %. Das Land verzeichnet einen deutlichen Geburtenrückgang, erschwerend kommt hinzu, dass viele junge und qualifizierte Esten ihre Heimat verlassen, um eine besser bezahlte Arbeit innerhalb der EU oder in Norwegen zu finden. Die Nähe Russlands und die Ereignisse bei der Annektierung der Krim nähren heute bei vielen Esten die Angst vor einer erneuten russischen Aggression. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Estland)

Stiftung Innove
Das offizielle Programm begann am Montagmorgen mit dem Besuch der Stiftung Innove. Sie wurde 2003 von der estnischen Regierung gegründet und untersteht dem estnischen Bildungs- und Forschungsministerium. Vorläufer der Stiftung war eine Organisation, die sich mit der beruflichen Bildung und Ausbildung in Estland befasste (Vocational Education and Training Reform Estonia). Im Jahr 2012 wurde das National Examination and Qualification Centre (NEQC) in die Stiftung Innove integriert, deren Hauptaufgabe die Umsetzung der nationalen Bildungs- und Sprachenpolitik in die Praxis war. Ziel von Innove ist es, Programme des lebenslangen Lernens zu entwickeln, wichtige Projekte umzusetzen und dafür zu sorgen, dass die Mittel der Strukturhilfe der EU in effizienter Weise umgesetzt werden. In Estland gibt es heute 41 berufliche Schulen in denen etwa 2100 Lehrkräfte arbeiten.

Tallinna Majanduskool
(Wirtschaftsschule)
Nachdem die Gruppe bei Innove einen ersten Einblick in das estnische berufliche Schulwesen erhalten konnte, folgte der Besuch der im Jahr 1906 gegründeten Tallinner Wirtschaftsschule (Tallinna Majanduskool). Im laufenden Schuljahr besuchen 1538 Schülerinnen und Schüler und Studentinnen und Studenten den Unterricht in den Fachbereichen Buchhaltung und Steuerwesen, Sekretariat und Assistenz und Wirtschaftswissenschaften. Der Unterricht findet in estnischer Sprache, aber auch in Russisch statt. Alle Abschlüsse führen nach dem Europäischen Qualifikationsrahmen (EQF) zu Qualifikationen der Stufe 5 (die Abschlüsse deutscher Berufsschulen enden in der Regel bei Stufe 4). An der Schule arbeiten mehr als 100 Lehrerinnen und Lehrer, etwa 30 unter ihnen in Vollzeit. Nach einer informativen Einführung gab es ausführliche Gelegenheit, die Räumlichkeiten der Schule zu besichtigen und ins Gespräch mit Lehrern und Schülern zu kommen.

Stiftung für Informationstechnologie HITSA
Der dritte Termin an diesem Tag führte schließlich zu einer weiteren Bildungsorganisation, HITSA (Information Technology Foundation for Education), der Stiftung für Informationstechnologie für Bildung. HITSA wurde, wie Innove, vom estnischen Staat, den Universitäten in Tallinn und Tartu sowie estnischen Telekommunikationsunternehmen gegründet. HITSA ist nicht kommerziell ausgerichtet. Aufgabe der Stiftung ist es, dafür zu sorgen, dass die Absolventen aller Bildungsabschlüsse beim Lernen und Lehren die digitalen Kenntnisse und Fähigkeiten erhalten, die notwendig für die weitere wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Estlands sind. Ziel ist die letztlich die Erhöhung der Qualität beim Lehren und Lernen. HITSA versteht sich dabei als Initiator und Begleiter der Innovationen und Entwicklungen im Lehr- und Lernbereich. Es werden Fortbildungen für Lehrkräfte und Schulleiter angeboten. HITSA vertritt Estland im Übrigen bei internationalen Kooperationsprojekten im Bereich der IT und der Bildung.

Tööstushariduskeskus (Tallinn Industrial Education Centre)
Das Tallinn Industrial Education Centre ist eines der größten beruflichen Schulzentren Estlands. Hier werden unter anderem Mechatroniker, KFZ-Mechaniker, Schweißer, aber auch Friseure, Schneider und Verkäufer für Kleidung ausgebildet. Die Ausbildung dauert zwischen drei und dreieinhalb Jahren, bei Schülern, die bereits eine höhere Schulbildung mitbringen, verkürzt sich die Schulzeit auf ein bis zweieinhalb Jahre. Die Schule bietet sowohl „klassischen“ Unterricht, als auch Fernstudienprogramme an. Das Schulzentrum besitzt für alle Ausbildungsrichtungen neben den üblichen Unterrichtsräumen eine große Zahl von sehr gut ausgestatteten Fachräumen und Werkstätten für die praktische Unterweisung, die – wie in allen anderen beruflichen Schulen Estlands – nicht in Betrieben stattfindet. Im Anschluss an die erfolgreiche Ausbildung können die Schüler ihre Kenntnisse an Fachhochschulen oder Universitäten vertiefen und weitere, akademische Abschlüsse erwerben. (Quelle: http://www.tthk.ee/?id=831)

TallinnaTeeninduskool (Tallinn Service School)
Das Mittagessen fand in der Tallinner Schule für Service statt. Hier werden die Gastronomie- und Hotellerieberufe, Reinigungsfachkräfte, Bäcker und Verkäufer ausgebildet. Je nachdem, welche Vorbildung die Schüler mitbringen und welchen Abschluss sie anstreben, dauert die Ausbildung zwischen sechs Monaten und drei Jahren. Ein geringer Prozentsatz der Schüler absolviert die Ausbildung in Fernkursen, es gibt einige Kurse, die von Schülern besucht werden, die bereits arbeiten. 59 % der Lehrpläne sind in estnischer, 41 % in russischer Sprache. Zur Zeit besuchen etwa 900 Schülerinnen und Schüler die Schule, sie werden von etwa 60 Lehrkräften unterrichtet. (Quelle: http://www.teeninduskool.ee/index.php/kooli-ueldinfo)
 
Tallinna Ehituskool (Tallinn Construction School)
Der letzte Programmpunkt des Tages führte uns zur Tallinner Schule für Bau- und Elektroberufe. Die Tallinn Construction School ist das führende Schulzentrum für diese Berufe in Estland. Die Schule wurde 1947 gegründet. Der Unterricht findet hier – wie in den anderen Schulzentren – in estnischer und russischer Sprache statt. Es werden Mauerer, Betonbauer, Zimmerer, Holz- und Steinrestaurateure und Elektriker ausgebildet. Die Schule arbeitet eng mit dem estnischen Handwerk zusammen. Die Schule ist Prüfzentrum für Bau-, Holz- und Elektroberufe und wird aktuell von 518 Schülern besucht (davon etwa ein Fünftel russisch sprechende), die von etwa 50 Lehrkräften unterrichtet werden. Auch in diesem Schulzentrum dauert die Ausbildung zwischen sechs Monaten und drei Jahren. (Quelle: http://www.ehituskool.ee/home/review/)

Deutsche Botschaft
Der Besuch der Deutschen Botschaft war sicher noch einmal ein Höhepunkt der Reise. Die Teilnehmer konnten vom stellvertretenden Botschafter viele Hintergrundinformationen über Land und Leute erhalten, die man üblicherweise als Tourist nicht erfahren würde.

Evaluation und Erkenntnis
Vor der Rückreise nach Deutschland fand am Donnerstagmorgen noch eine Evaluation der vergangen Tage statt. Was bleibt an Erfahrungen hängen? An allen Schulen wurde die Gruppe sehr gastfreundlich empfangen, bemerkenswert war vor allem die große Offenheit den ausländischen Besuchern gegenüber.
Auch in Estland kennt man eine duale Berufsausbildung wie hierzulande nicht. Für die Betriebe ist es schlicht unverständlich, warum sie einen Teil der Berufsausbildung mit übernehmen und vor allem für Auszubildende Geld zahlen sollen. Gleichzeitig hat Estland aber einen recht erfolgreichen Weg bei der beruflichen Bildung junger Menschen eingeschlagen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist im EZU-Vergleich mit 13 % relativ niedrig und so gibt es aus estnischer Sicht keinen Grund, über die Berufsausbildung grundlegend neu nachzudenken.
Die Abwanderung junger Menschen in das europäische Ausland und der Geburtenrückgang stellen das Land jedoch zunehmend vor Probleme.

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