„Welche Positionen hat denn der Verband zur Eigenverantwortlichen Schule/Erweiterten Schulleitung?“

Diese Frage wird nach den Änderungen im BayEUG im Juli 2013 und der durch die neue Staatsregierung in Kraft gesetzte Errichtungsverordnung im Oktober 2013 von vielen Kolleginnen und Kollegen immer wieder gestellt. Eine große Verunsicherung ist in allen Lehrerzimmern vorhanden. Die Erkenntnisse, Vorschläge und Forderungen der PROFIL 21-Schulen wurden nicht berücksichtigt. Der Hauptvorstand hat sich daher im Rahmen einer Hauptvorstandssitzung als zuständiges Beschlussgremium am 18. Oktober 2013 in Würzburg umfassend mit den gesetzlichen Vorgaben und den vorliegenden Informationen des Kultusministeriums befasst und folgendes Positionspapier beschlossen:

Vorbemerkungen:
Die Bedenken und Vorbehalte innerhalb der Kollegenschaft in Bezug auf eine Ausweitung der Vorgesetzteneigenschaften sind nach wie vor sehr groß. Das kollegiale Miteinander, die pädagogische Freiheit der einzelnen Lehrkraft, das Schulklima und die unterstützende, angstfreie Beratung im Team sind Voraussetzungen für erfolgreiche Arbeit auf dem komplexen Gebiet von Bildung und Erziehung. Diese Gedanken sind in dem Prozess sehr ernst zu nehmen. Von daher kommen der Freiwilligkeit der Einführung, mit der Möglichkeit des Ausstiegs bei einem Nichtgelingen, unter Beteiligung der Lehrerkonferenz und des örtlichen Personalrates, der wissenschaftlichen Evaluation des Prozesses im Hinblick auf die angestrebten Ziele, der vorbereitenden Schulung und der Auswahl der Führungskräfte sowie den zur Verfügung gestellten Leitungszeiten besondere Bedeutung zu. Eine wissenschaftliche, empirische Begleitung die erforscht, wie die Strukturänderungen zur Verbesserung der Unterrichtsqualität beitragen, ist auch insofern dringend geboten, als dies bei den beiden Modellversuchen MODUS F bzw. PROFIL 21 versäumt wurde.

Die Änderungen im BayEUG sind daher aus Sicht des Hauptvorstandes des Verbandes der Lehrer an beruflichen Schulen nicht hinreichend geeignet, um unseren Vorstellungen zur erweiterten Schulleitung verbunden mit einem erfolgreichen Qualitätsmanagement zu entsprechen.

Eine erweiterte Schulleitung, wie in Art. 57 bzw. 57 a BayEUG neu definiert ist als zwingende Voraussetzung zur Qualitätssicherung an beruflichen Schulen unnötig, da an beruflichen Schulen Qualitätsmanagementsysteme erfolgreich angewendet werden.

Zielführend wäre, große Schulen bzw. die Verantwortlichkeiten in mehrere Schulleiter[innen]-Hände zu legen. Der persönliche Kontakt von SL[in] zu den Kolleg[inn]en kann nicht wirklich durch diese „mittlere Führungsebene“ professionell ersetzt werden.

VLB-Positionspapier zur Eigenverantwortlichen Schule/Erweiterten Schulleitung
Positionen:

Führungsstruktur
Das Konzept der erweiterten Schulleitung muss die besonderen Strukturen der beruflichen Schulen berücksichtigen. Viele Schlüsselprozesse finden hier auf Abteilungsebene statt. Die Rolle der Fachbetreuer hat sich organisch so entwickelt, dass sie längst Personalführungs- und -entwicklungsaufgaben wahrnehmen.
Berufliche Schulen müssen sich in ihrer Organisationsstruktur eigenständig und ohne gängelnde unflexible Vorgaben weiterentwickeln und dabei die jeweiligen Gegebenheiten der Schule berücksichtigen können.

Führungsaufgaben
Je nach Struktur tragen Fachbetreuer an beruflichen Schulen Personal-, Finanz-, Organisations- und Qualitätsverantwortung. Es darf nicht ignoriert werden, dass für diese qualitativ hochwertige zeitaufwändige Führungsarbeit ein riesiger Kompensationsbedarf besteht.
Die Personalverantwortung erfüllen die Fachbetreuer hauptsächlich durch die Motivation der Mitarbeiter und die Schaffung von Rahmenbedingungen für eine qualitätsorientierte Unterrichtsarbeit. Das funktioniert nur in einem Klima, das eine partnerschaftliche Kooperation und ein gegenseitiges Vertrauen ermöglicht.
Deshalb dürfen Fachbetreuer nicht durch eine generell vorgegebene Mehrung von Aufgaben (Unterrichtsbesuche zum Zwecke der Beurteilung und Mitarbeitergespräche) zusätzlich belastet werden.
Das neue BayEUG reduziert die Führungsinstrumente auf diejenigen mit Kontrollfunktion. Die Lehrkräfte einer erweiterten Schulleitung mit Weisungsbefugnis stellen ihre Kollegen damit unter eine nicht angebrachte „Dauerbeobachtung“.
Dies widerspricht dem Konzept der „Eigenverantwortlichen Schule“, wenn Instrumente der Feedback-Kultur nicht passgenau dem Bedarf angepasst werden dürfen (z. B. muss statt der Unterrichtsbesuche durch Mitglieder der erweiterten Schulleitung auch eine kollegiale Hospitation durch Fachbetreuer möglich sein).

Führungsphilosophie
Das Konzept einer eigenverantwortlichen Schule muss offen sein für eine Führungsphilosophie, die das kollegial-vertrauensvolle Miteinander nicht durch eine hierarchische Top-down-Struktur belastet.
Ein dialogfähiger, transparenter und partizipativer Führungsstil fördert die kollegiale Kooperation der fachlich und pädagogisch hochqualifizierten Experten für berufliche Bildung und sichert damit eine hohe Unterrichtsqualität.

Forderungen:
Beteiligung der Beschäftigten vor der Antragsstellung
Der VLB nimmt zustimmend zur Kenntnis, dass die eingeforderte Freiwilligkeit der Antragstellung und das „Nachrückverfahren“ im Verordnungsentwurf (ERwSLV) berücksichtigt sind.
Dem Antrag zur erweiterten Schulleitung sind demnach zwingend die Stellungnahme der Personalvertretung und der Auszug aus dem Protokoll der Lehrerkonferenz anzufügen.
Sollten die Beteiligung des Personalrates und/oder die Erörterung in der Lehrerkonferenz vor der Entscheidung unterblieben sein oder sich zeigen, dass sich die Betroffenen vor Ort mehrheitlich gegen den Antrag der Schule aussprechen, ist dem Antrag die Genehmigung zu versagen.

Umsetzungskonzept
Es ist zudem durch Verwaltungsvorschrift sicherzustellen, dass dem Antrag auf Einrichtung einer erweiterten Schulleitung gemäß Art. 57a Abs. 1 Satz 1 BayEUG zwingend ein Umsetzungskonzept beizufügen ist.
Antragsberechtigung – Auswahl der Schulen
Durch ein „Nachrückverfahren“ ist sicherzustellen, dass die vorgesehenen Stellen/Mittel voll ausgeschöpft werden.
Freistellung der örtlichen Personalvertretungen
Die Richtwerte des Kultusministeriums für die Freistellung der örtlichen Personalvertretungen sind aufgrund der vermehrten Arbeit und der neuen Aufgaben auf die Höhe der Richtwerte des Finanzministeriums anzugleichen.
Erforderliche Leitungszeit gewähren
Die bisherigen Ergebnisse aus den Modellversuchen haben gezeigt, dass bei einer Leitungsspanne von 10 Lehrkräften vier bis fünf Anrechnungsstunden erforderlich sind, um die Personalverantwortung qualitativ hochwertig ausführen zu können.

Qualifizierung der Schulleitung und der Mitglieder der erweiterten Schulleitung
Es ist wissenschaftlich abgesichert, dass die Qualitätssicherung und -entwicklung einer Schule in hohem Maße von der personellen und fachlichen Qualifizierung Leitungspersonen abhängt. Es ist deshalb zwingend erforderlich, diesen Personen durch gezielte Fortbildung die notwendigen Kompetenzen zu vermitteln. Dies sollte insbesondere vor Übernahme der Funktion und permanent während der Ausübung der Aufgaben erfolgen.

Umsetzung soll für alle Schulen möglich sein
Allen an der Umsetzung interessierten und geeigneten Schulen soll der Weg offen stehen.

Zusammenfassung/Resumé
Insgesamt ist das „Konzept“ in der vorliegenden Form nach wie vor unausgegoren und aus Sicht des VLB problembeladen. Völlig unklar ist vor allem, welche Konsequenzen sich durch die geplante „erweiterte Schulleitung/mittlere Führungsebene“ für den noch zu entwickelnden Funktionenkatalog ergeben. Bevor das nicht geregelt ist, weiß keine Schule, ob sie sich durch die Einführung der mittleren Führungsebene nicht eher schadet. Vorsicht ist geboten!
Als Leitsatz muss gelten: Eine gute Schulentwicklung gedeiht dann, wenn die Schulen mehr Eigenverantwortung erhalten und ihnen mehr Vertrauen für ihr Wirken entgegengebracht wird, denn Schulen können nicht zum Erfolg kontrolliert werden.

Würzburg, 18. Oktober 2013
Jürgen Wunderlich
VLB-Landesvorsitzender

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