Wir wollen echter Partner werden – es ist an der Zeit!

Geschrieben von Hans Käfler
Im Bild (von links): Hans Käfler, ehem. VLB-Vorsitzender, Reinhard Böckl, Bildungsexperte IG Metall Vorstand, Jürgen Wunderlich, VLB-Vorsitzender, Pankraz Männlein, stellv. VLB-Vorsitzender

„Wir wollen echter Partner im System der beruflichen Erstausbildung werden – das ist unser Anspruch“, brachte es der ehemalige VLB-Vorsitzende, Hans Käfler, bereits eingangs der Gesprächsrunde auf den Punkt. Es kann nicht sein, so Käfler weiter, dass insbesondere die Industrie- und Handelskammern die Ressourcen der beruflichen Schulen bei den Abschlussprüfungen intensiv nutzen, aber die über Jahre hinweg erhobenen Leistungsnachweise der Berufsschullehrer weitgehend ignorieren.

 

Zu einem Meinungsaustausch eingeladen hatte der Vorsitzende des VLB, Jürgen Wunderlich, neben Hans Käfler auch den stellv. Vorsitzenden Pankraz Männlein,  sowie Reinhard Böckl, Bildungsexperte IG Metall Vorstand.

Die Forderungen des VLB in Sachen Berufsabschlussprüfung sind ja nicht neu und wurden u.a. bereits im Jahr 2011 durch Arbeitgeberverbände in Form eines Modellversuches mit dem Titel „Neugestaltung Prüfungswesen“ aufgegriffen. Die damalige Zielformulierung „Deutliche Effizienzsteigerung im Prüfungswesen für alle Beteiligten durch die Verlagerung der schriftlichen Prüfungen an den „Dualen Partner Berufsschule“ sowie die Abnahme der praktischen Prüfungen mit Prüfern aus den Betrieben“ ist insbesondere im ersten Punkt identisch mit unseren Vorstellungen so Käfler.

Somit wäre lt. damaliger Modellversuchsbeschreibung die „Konsequente Zuweisung der fachlichen Verantwortung an die jeweiligen „Know-how-Träger“ (Berufsschule und Betrieb)“ gegeben. Damit wird deutlich, dass uns die Arbeitgeberverbände durchaus – und nicht nur bei Grußworten und Abschlussfeiern – als Partner betrachten.

Gescheitert ist das Ganze letztendlich an den massiven Protesten von Vertretern der Kammern, die damit ihr ökonomisches Geschäftsmodell mit PAL, AkA und ZPA im Prüfungswesen in Gefahr sahen. Stellt sich die Frage: darf es in der beruflichen Bildungslandschaft wirklich so sein: „IHK locuta - causa finita“, die IHK hat gesprochen - die Sache ist beendet?

Neuer Anlauf im Landesausschuss für Berufsbildung der bay. Staatsregierung
Dass Änderungen im Prüfungswesen, auch gegen den massiven Protest der Kammern möglich sind, zeigt sich bei der praktischen Prüfung, dem betrieblichen Auftrag, den die Sozialpartner gemeinsam, gegen den Widerstand der Kammern durchgesetzt haben.

Die Form der Berufsabschlussprüfung steht jetzt wieder auf der Agenda! Der Landesauschuss für Berufsbildung der bayerischen Staatsregierung beschäftigt sich intensiv mit der Thematik und hat einen Unterausschuss beauftragt, Möglichkeiten aufzuzeigen ob andere Modelle der schriftlichen Prüfung als effizientere Alternativen zur derzeitigen Form in Betracht gezogen werden könnten.

Alternative Prüfungsformen
Die Möglichkeit auch andere Prüfungsmodelle umzusetzen, zeigt ein Blick nach Baden-Württemberg oder ins Nachbarland Österreich. In Österreich beispielsweise schreibt die zuständige Wirtschaftskammer in ihren Informationen über die Lehrabschlussprüfung u. a.: „Die Lehrabschlussprüfung gliedert sich in eine theoretische und eine praktische Prüfung. Die theoretische Prüfung entfällt, wenn der Prüfungswerber das positive Abschlusszeugnis seiner Berufsschule vorweisen kann …“

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick in das Positionspapier 2020 der bayerischen Industrie- und Handelskammern. Darin wird „mehr Eigenständigkeit und Verantwortung der Berufsschulen“ eingefordert. Konkretisiert wird das u. a. durch die Forderung nach mehr „aktive(r) Unterstützung durch das Kultusministerium zugunsten einer verstärkten Anrechnung der Mitwirkung von Berufsschullehrern in den IHK-Prüfungsausschüssen.“ Hier sollen also wieder öffentlich-rechtliche Aufgaben der Industrie- und Handelskammern, die durch die von den Betrieben bezahlten Prüfungsgebühren bereits finanziert sind, durch den Staat, für den eine IHK den Status einer nachgeordneten Behörde hat, zusätzlich subventioniert werden. Das Ziel ist offensichtlich: Das „Geschäftsmodell“ der berufliche Erstausbildung noch stärker zu Lasten des Steuerzahlers zu ökonomisieren.

Mit der österreichischen Variante wäre übrigens das Problem der Industrie- und Handelskammern beim Einsatz von Berufsschullehrern als Prüfer auf einen Schlag gelöst. Die Kammern könnten - wenn sie wollten - dabei enorme Einsparungen für ihre Pflichtmitglieder und Ausbildungsbetriebe erreichen.

Wer soll den Lehrstoff prüfen, den die Berufsschule vermittelt?
Böckl betonte während des Gespräches, dass die Noten der Berufsschule letztendlich den erworbenen Wissensstand in Form von Leistungsfeststellungen wieder geben. Die Aufgabe der Berufsabschlussprüfung, so Böckl weiter ist die Feststellung der beruflichen Handlungsfähigkeit. Diese Handlungsfähigkeit kann am besten in der betrieblichen Praxis nachgewiesen werden, durch kompetentes berufliches Handeln. Schriftliche Prüfungsaufgaben sind meist nur eine konstruierte Abbildung der Praxis und oftmals auch nur Wissensabfragen. Die Aufgabener-stellung ist dabei sehr aufwendig. Es stellen sich die Fragen, was können solche Aufgaben im Kontext der Feststellung der beruflichen Handlungsfähigkeit überhaupt leisten und werden schriftliche Aufgaben dazu überhaupt benötigt? Kenntnisse könnten auch durch Fachgespräche geprüft werden.

Das häufigste Argument der Industrie- und Handelskammern gegen die Übernahme der Berufsschulnoten in das Berufsabschlusszeugnis ist die „bundeseinheitliche Vergleichbarkeit“. Spätestens seit Einführung des betrieblichen Auftrags als einer Form der praktischen Prüfung, ist dieses Argument allerdings vollkommen entwertet. Hier lohnt auch ein Blick in die regionalen Prüfungen der Innungen bei den Handwerkskammern. Es stellt sich auch die Frage, machen die Hochschulen, die weitgehend auf Abschlussprüfungen verzichten, alles falsch bei der Notenfindung?

Pankraz Männlein gibt zu bedenken, ob das Qualitäts-Argument eigentlich zieht. Wenn Berufsschullehrer bei PAL, AkA und ZPA die Prüfungsaufgaben erarbeiten, die Prüfungen anschließend im Rahmen ihrer Prüfertätigkeit beaufsichtigen und die Prüfungsaufgaben bewerten, dann ist zunächst nicht zu sehen, weshalb diese Prüfungen eine höhere Qualität haben sollen, als die Noten, die dieselben Lehrer über Jahre hinweg in der Berufsschule vergeben haben. Berücksichtigt man, dass inzwischen so gut wie alle Berufsschulen in Bayern ein Qualitätsmanagement haben, dann ist dieses Argument seiner Meinung nach erst recht in Frage zu stellen. Böckl merkt in diesem Zusammenhang noch an, dass die Kammern derzeit große Probleme mit der Rechtssicherheit von Prüfungen haben.

Was sagt das Berufsbildungsgesetz?
Selbst das Berufsbildungsgesetz hebt die Rolle der Berufsschule unter § 38 Prüfungsgegenstand hervor: „Durch die Abschlussprüfung ist festzustellen, ob der Prüfling die berufliche Handlungsfähigkeit erworben hat. In ihr soll der Prüfling nachweisen, dass er die erforderlichen beruflichen Fertigkeiten beherrscht, die notwendigen beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten besitzt und mit dem im Berufsschulunterricht zu vermittelnden, für die Berufsausbildung wesentlichen Lehrstoff vertraut ist. Die Ausbildungsordnung ist zugrunde zu legen.“

Jürgen Wunderlich ist vollkommen zuzustimmen, wenn er meint: “Wer sollte denn besser beurteilen können, dass die Auszubildenden mit dem im Berufsschulunterricht zu vermittelnden, für die Berufsausbildung wesentlichen Lehrstoff vertraut sind, als die Berufsschule? Es ist längst hohe Zeit, dass unsere Forderung „echter Partner im dualen System der Berufsausbildung zu werden“ die dem Geist einer modernen Beruflichkeit entspricht, umgesetzt wird.

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