Zeitgemäße Prüfungen in einer veränderten Arbeitswelt

Geschrieben von Hans Käfler

Die Unternehmen wie auch deren Mitarbeiter müssen seit Jahren in immer kürzeren Intervallen auf Veränderungen in der Arbeitswelt reagieren. Für die Mitarbeiter bedeutet dies, neue Aufgaben und häufig auch eine andere Art ihre Aufgaben zu erledigen. Die Zunahme von Serviceprodukten, Social Media, E-Mobilität bis hin zum selbstfahrenden Kraftfahrzeug, sind enorme innovative Herausforderungen, auf die reagiert werden muss.

Es versteht sich von selbst, dass diese Veränderungen auch gewaltige Auswirkungen auf die Qualifizierung in der beruflichen Bildung haben. Zu nennen wären hier die zunehmende Akademisierung, der Anstieg von Komplexität bei vielen, aber auch die Reduktion von Vielfalt in manchen Berufen. Wie die kommende Digitalisierung sich beispielsweise bei kaufmännischen Berufen in Zukunft auswirken wird, lässt sich derzeit erst erahnen.

Die beruflichen Schulen reagieren bereits seit Jahren auf diese Änderungen in der Arbeitswelt über Anpassung von Lehrplänen, Flexibilität und Qualifizierung von Lehrkräften, Investitionen in Ausstattung u. ä. Die beruflichen Schulen sind naturgemäß die Schulart, die den Veränderungen in der Arbeitswelt am unmittelbarsten ausgesetzt ist und damit erfolgreich umgehen muss. Die Berufsschulen haben auf diese Herausforderungen auch als Organisationen reagiert. Zu nennen wären hier beispielsweise der Aufbau und die Integration eines Qualitätsmanagements, die stetige Anpassung im Bereich der IT und Ausstattung oder die verstärkte Einrichtung tertiärer Bildungsgänge. Damit übernehmen die Berufsschulen eine gesteigerte Verantwortung für die Ausbildung der ihnen anvertrauten jungen Menschen und damit angehenden Fachkräfte im  dualen Ausbildungssystem. Aber sind sie auch wirkliche „Partner“ im dualen Ausbildungssystem?

Wie bei den berühmten gallischen Dorf gibt es einen Ort in der Ausbildungswelt, der von dieser Entwicklung abgekoppelt zu sein scheint: Die Berufsabschlussprüfung bei den Industrie- und Handelskammern. Während beispielsweise in vielen Handwerksberufen die Berufsschullehrkräfte immer schon eine ihrer Rolle im dualen System entsprechende Bedeutung bei der Erstellung und Durchführung der Prüfungen hatten und haben, werden die Lehrer bei den IHK-Prüfungen zwar intensiv als „Ressource“ genutzt, kommen aber über die Rolle von Aufsicht und Korrektor kaum hinaus. Dass das auch anders geht, zeigt beispielsweise ein Blick nach Baden-Württemberg, wo die Schulnoten im wesentlichen für das Ergebnis der theoretischen Prüfung entscheidend sind.

Dass Änderungen im IHK-Prüfungswesen auch hierzulande möglich sind, zeigt die Einführung des betrieblichen Auftrags als eine Form der praktischen Prüfung die die betriebliche Praxis widerspiegelt. Es ist ja auch sinnvoll, dass die praktische Prüfungsarbeit dort stattfindet, wo die praktische Ausbildung zu Hause ist. Stellt sich die Frage: Warum dann wird die theoretische Prüfung ins Exil geschickt, anstatt die Ausbildungsergebnisse, die sich in den Schulnoten niedergeschlagen haben, zu nutzen?

Zu einer Zeit, wo Effizienz so groß geschrieben wird, unterhalten Industrie- und Handelskammern für die Unternehmen, die für die Prüfungsgebühren aufkommen müssen teuere Einrichtungen wie PAL, AKH etc. um Prüfungen zu entwerfen die beispielsweise bei Neuordnungen erst jahrelangen Frust bei Auszubildenden, Ausbildern aber auch Lehrern erzeugen, bis sie ausreichend Nähe zu Inhalt und Anspruch einer realistische Berufsausbildung gefunden haben. Es ist höchste Zeit, nach der erfolgreichen Reform der praktischen Prüfung durch den betrieblichen Auftrag auch die theoretische Prüfung anzupassen und die über Jahre gewachsenen, in vielfältigen Prüfungsformen gewonnenen Ergebnisse der Berufsschule endlich als entscheidende Information über die theoretischen Kenntnisse der Auszubildenden anzuerkennen und als Berufsabschluss zu werten.

Damit würde aus dem derzeitigen Lippenbekenntnis, dass die Berufsschule Partner im dualen Ausbildungssystem ist, eine echte Partnerschaft!

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